Aufbruch zwischen Stiftungen und Destinatär:innen
Dieser Artikel ist ursprünglich im Philanthropie Aktuell #2/26 erschienen.
Viele gesellschaftliche Herausforderungen lassen sich nicht in kurzen Projektzyklen lösen. Es braucht oft langfristige Beziehungen, lokale Erfahrung und Organisationen, die stabil arbeiten können. Trotzdem sind viele Nonprofit-Organisationen (NPO) weiterhin stark von befristeten Projektbeiträgen, detaillierten Budgets und aufwendigem Reporting abhängig.
Die aktuellen Diskussionen im Fördersektor setzen bei diesen Herausforderungen an. Sie fragen nicht nur, welche Projekte unterstützt werden sollen, sondern auch, wie Förderung gestaltet sein muss, damit Organisationen langfristig Wirkung entfalten können.
Warum neue Förderansätze entstehen
In den letzten Jahren haben deshalb verschiedene Denkrichtungen und Praktiken an Bedeutung gewonnen. Begriffe wie trust-based philanthropy, participatory grantmaking oder Core Funding (ungebundene Förderungen) stehen nicht einfach für einzelne neue Instrumente. Sie beschreiben unterschiedliche Antworten auf dieselbe Grundfrage: Wie können Förderbeziehungen partnerschaftlicher, flexibler und wirkungsvoller gestaltet werden?
Trust-based philanthropy betont Vertrauen, Dialog und die daraus resultierende geringere administrative Belastung. Participatory grantmaking fragt, wie Betroffene oder lokale Akteur:innen stärker in Förderentscheidungen einbezogen werden können. Ungebundene Förderungen richten den Blick auf die Organisation selbst: Nicht nur einzelne Projekte brauchen Geld, sondern vor allem Strukturen, Mitarbeitende, Strategieentwicklung und Lernfähigkeit.
Wirkung entsteht nicht nur in Projekten
Klassische Fördermodelle setzen häufig auf klar definierte Projekte, messbare Ziele und standardisierte Wirkungskriterien mit Fokus auf den erbrachten Aktivitäten oder Leistungen. Das schafft Vergleichbarkeit und Nachvollziehbarkeit. Gleichzeitig geraten Organisationen dadurch unter Druck, langfristige Entwicklungsarbeit in kurzfristige Projektlogiken zu übersetzen.
Doch Wirkung entsteht selten nur in einzelnen Aktivitäten. Sie hängt davon ab, ob eine Organisation verlässlich planen, qualifizierte Mitarbeitende halten, auf Veränderungen reagieren und aus Erfahrungen lernen kann. Eine Organisation, die über Jahre Vertrauen in einem Quartier aufbaut, kann ihre Wirkung oft nicht vollständig in einem Jahresprojekt abbilden. Mehr Vertrauen bedeutet nicht weniger Professionalität. Es geht nicht darum, auf Strategie, Sorgfalt oder Rechenschaft zu verzichten. Vielmehr verändert sich die Art der Zusammenarbeit. Neben Berichten und Kennzahlen gewinnen Gespräche, Feedbackprozesse und gemeinsame Reflexion an Bedeutung. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich von der reinen Kontrolle einzelner Aktivitäten hin zu der Frage, welche Bedingungen Organisationen brauchen, um wirksam arbeiten zu können.
Wer definiert Wirkung?
Mit neuen Förderansätzen verändern sich auch Rollen und Entscheidungsprozesse. Wer entscheidet, was als Wirkung gilt? Welche Erfahrungen werden ernst genommen? Und welches Wissen fliesst in Förderentscheide ein? In unseren Beratungsaufträgen bei Con·Sense diskutieren wir diese Fragen mit fördernden und geförderten Organisationen.
Gerade lokale Organisationen und Initiativen verfügen oft über tiefes Erfahrungswissen. Sie kennen Zielgruppen, Kontexte und Hindernisse aus der täglichen Arbeit. Wenn dieses Wissen stärker berücksichtigt wird, können Förderentscheide realistischer und näher an den tatsächlichen Bedürfnissen ausgerichtet werden. Ein mögliches Beispiel dafür ist ein Förderprozess, in dem lokale Partnerinnen nicht erst nach der Ausschreibung ein Gesuch einreichen, sondern bereits bei der Entwicklung der Förderstrategie einbezogen werden. So können Erfahrungen aus der Praxis früh einfliessen und dazu beitragen, dass Anforderungen, Zeitpläne und Wirkungsziele besser zu den tatsächlichen Bedingungen vor Ort passen.
Gleichzeitig stehen auch Förderinstitutionen vor steigenden Anforderungen. Gesuchszahlen nehmen zu, gesellschaftliche Problemlagen werden komplexer und Erwartungen an Transparenz, Wirkung und Verantwortung wachsen. Förderinstitutionen müssen deshalb zunehmend Prioritäten in der Förderung setzen, Risiken einschätzen und ihre Entscheidungen nachvollziehbar machen. Deshalb braucht es nicht nur mehr Vertrauen, sondern eine bewusst gestaltete Zusammenarbeit. Vertrauen und Verantwortung sind keine Gegensätze. Sie müssen aber gemeinsam entwickelt werden.
Förderung wird zur gemeinsamen Lernpraxis
Aus organisationsberaterischer Perspektive zeigt sich immer wieder: Wirkung entsteht dort, wo Organisationen strategisch arbeiten, lernen und Kooperationen entwickeln können. Dafür brauchen sie nicht nur Projektmittel, sondern auch Handlungsspielraum und stabile Beziehungen zu ihren Förderpartner:innen. Die aktuelle Entwicklung im Fördersektor lässt sich deshalb als Verschiebung verstehen: weg von einer ausschliesslich projektorientierten Förderung, hin zu einer stärker beziehungs- und lernorientierten Förderpraxis. Bestehende Modelle werden dadurch nicht ersetzt. Sie werden ergänzt durch Ansätze, die Vertrauen, Flexibilität, Beteiligung und organisationale Entwicklung stärker berücksichtigen.
Die zentrale Frage lautet somit nicht mehr nur: Was wird gefördert? Sondern auch: Wie müssen Förderbeziehungen gestaltet sein, damit Wirkung unter komplexen Bedingungen langfristig möglich bleibt?





Kommentare